Über dem Eingangsportal des Tempels von Delphi stand geschrieben

"Erkenne dich selbst"

im Innenraum war zu lesen

"damit du Gott erkennst"

                                                                                                                                                                            Quelle: unbekannt

Foto: Annette

Ein Blick in die Vergangenheit öffnet neue Perspektiven für die Zukunft.

                                                                                                                                     (Erwin Neu)

Das Buch "Aus Sternenstaub" von Erwin Neu, hat mir auf meinem Weg sehr geholfen einen Einblick in die Zusammenhänge des GANZEN zu bekommen und somit auch ein neues

Verständnis meines SELBST.

Die Unterseiten "Aus Sternenstaub" und "Schöpfungsspiritualität" habe ich mit Texten aus dem obengenannten Buch von Erwin gestaltet, um unseren Geist für Neues zu öffnen.

Ich danke Herr E. Neu für dieses wundervolle Werk und für das Schaffen von neuem

Bewusstsein auf seinen Vorträgen in verschiedenen spirituellen Bildungshäusern.

Mir begegnet Gott in Nürnberg.

Seit Freitag, den 06.08.2004 bin ich in Nürnberg, im Comboni-Missionshaus untergebracht

und nehme an Exerzitien "auf der Straße" teil.

Exerzitien sind Übungen, sich vom Herzen, von Gott her leiten zu lassen. Gott kann an jedem

Ort auf uns warten.

 

Wir, 11 Teilnehmer und 4 Begleiter, sind auf der Suche nach Gott. Tagsüber suchen wir allein Orte und Plätze auf (z.B. Bahnhof, Notschlafstellen für Obdachlose, Gefängnis, Krankenhaus, Kirche), an welchen wir hoffen Gott zu begegnen. Am Abend tauschen wir uns in Gruppen über unsere Erfahrungen aus.

 

Ich nehme an diesen Exerzitien teil, weil ich seit Jahren viel Schmerz aus meiner Jugendzeit in mir spüre. Viele meiner Freunde/innen sind an übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum gestorben oder haben sich umgebracht, weil sie aus ihren Depressionen keinen Ausweg fanden. Ich habe den Absprung geschafft, mein Leben ging weiter und für meine Trauer blieb keine Zeit.

 

In der Altstadt werden meine Erinnerungen durch Obdachlose, Punker und Drogensüchtige wieder wach. Ganz tief falle ich in meine Trauer und in meine Ängste. Ich erfuhr damals von Männern viel Gewalt und Demütigung.

 

Ich weine auf dem Bahnsteig, trauere in Kirchen und tanke wieder Kraft an den Steinen der

Burg- und Stadtmauer. Unter vielen Menschen, bleibe ich "auf der Straße" ganz allein.

Nach 6 Tagen Traurigkeit und Einsamkeit habe ich große Sehnsucht nach menschlicher Nähe

und sozialen Kontakten.

 

Gegenüber der Lorenzkirche sitzt ein Mann mit Hund und verkauft "Straßenkreuzer"

(Nürnberger Sozialmagazin). Ich kaufe ein Heft und wir kommen ins Gespräch. "Was machst du ganz alleine hier?" - "Ich schaue mir meine Vergangenheit nochmal an und trage meine Traurigkeit spazieren." - "Weshalb?"  Ich erzähle ein bisschen. Der Verkäufer nickt ver-ständnisvoll und erzählt von seiner Vergangenheit. 11/2 Stunden sitze ich neben ihm auf dem Kopfsteinpflaster und fühle mich angenommen und geborgen.

 

Zum Abschied reichen wir uns die Hände und schauen uns dabei lange und tief in die Augen. In diesem Moment spüre ich ein Band von meinem zu seinem Herzen. "Ich würde mich freuen, wenn du morgen wieder vorbeikommst. Ich verkaufe immer hier."

 

Ich freue mich auf unser Treffen und von weitem schon heißen mich seine lachenden Augen willkommen. Wir haben uns viel zu erzählen und trinken gemütlich Kaffee auf dem Pflaster des Lorenzplatzes. "Kommst mich heute Abend besuchen? Ich habe eine eigene Wohnung, nichts Tolles. Aber ich bin stolz darauf, nachdem ich mehrere Jahre "auf der Straße" gelebt habe." Mit jedem Pulsieren meines Herzens spüre ich, wie meine Ängste vor Männern von

meinem Körper Besitz ergreifen. "Nein, das kann ich nicht!" - "Warum?" Mit tränenerstickter

Stimme erzähle ich. Er schaut mich mitfühlend an. "Es ist dein Vertrauen, das kaputt gegan-

gen ist." Ich nicke. Alleine gehe ich eine Stunde weinen und beten in die Klara-Kirche. Als ich wieder zurück bin, fragt er: "Kommst mit auf die Wöhrder Wiesen? Da kann der Hund sich austoben und wir können in den Schatten liegen." Spontan stimme ich zu. Dort angekom-men, sitzen wir uns schräg gegenüber und mein Begleiter umfasst sanft meinen linken Knöchel. Ich erschrecke. "Lass das!" Meine Angst ist wieder da und ich löse sofort seine

Hand von meinem Fuß. Seine Berührung empfand ich jedoch als sehr angenehm.

 

Sie hat mich ganz tief berührt. Er lässt mich, schaut mich traurig und verständnislos an. Ich breche unser Schweigen. "Ich will dir nur eine Freundschaft anbieten, mehr nicht." Beim Abschied spüre ich, wie verletzt er ist.

 

Auf meinem langen Nachhauseweg - ich laufe alle Wege in Nürnberg barfuß - kommen mir wieder viele Tränen. Plötzlich sehe ich mich, vor vielen Jahren, vor einem älteren Freund

sitzen und ich berühre mit meiner Hand seinen Knöchel, genauso, wie es vor einer Stunde

dieser Mann bei mir getan hat. Jetzt bricht mein alter Schmerz aus meiner Seelentiefe. Ich

erinnere mich. Es war ein Hilfeschrei. Ich war damals am Ende, wusste nicht mehr, wie es weitergehen soll. Jetzt verstand ich die Geste von meinem Begleiter und wusste auch warum

sie mich so tief berührt hat.

 

Am Tag darauf, war er nicht auf dem Lorenzplatz, so ging ich zu ihm nach Hause. Er freute sich sehr über meinen Besuch und erzählte mir von seinen Depressionen, von seiner Todes-sehnsucht, weil er keine Chance mehr sieht sein Leben finanziell in den Griff zu bekommen.

Wir sprechen über fehlende Geborgenheit und Liebe und fehlende Sozialkontakte. "Ich hatte gestern nur so große Sehnsucht, die Nähe und Wärme eines Menschen zu spüren, der mich

versteht."

 

Jetzt konnte ich mein tiefes Gefühl für diesen Mann angstfrei zulassen. Ich bin mir selbst in ihm begegnet. Mit Worten kann ich mein Gefühl nicht beschreiben. Ich spüre ein Band von

Herz zu Herz, Nähe, Liebe, Vertrauen, etwas in mir ist heil geworden. Ich danke Gott von Herzen, dass ich ihn erkennen durfte.

 

Meine Gottesbegegnung hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Es ist für mich ein riesengroßes Geschenk, Schritt für Schritt meine Lebensaufgabe zu erkennen und zu er-füllen. Zwischen dem "Straßenkreuzer-Verkäufer" und mir ist eine Freundschaft gewachsen und wir unterstützen uns gegenseitig auf unserem Lebensweg.

 

Seit meinen Exerzitien weiß ich, wie unsere Ängste und ungelösten Schmerzen unser Ver-trauen, sprich unseren Glauben (Gottvertrauen) verhindern.

 

Letztendlich haben wir Angst vor uns selbst. Ich war bereit zurück zu schauen, tief in mich zu blicken und genau dort fand ich IHN. Mir fällt dazu der Jakobsbrunnen ein, oder "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

 

Theoretisch war mir dies alles sonnenklar, bevor ich nach Nürnberg ging. Dies jedoch er-fahren zu dürfen, zu spüren an Leib und Seele, war ein nicht in Worte zu fassendes Geschenk.

                                                                                                                                                             Autorin: Ingrid Hartmann

                                                                                                                                                                                     (veröffentlicht 2006 unter ERFAHRUNGEN auf

                                                                                                                                                                                      https://www.strassenexerzitien.de )

                                                                                                                                          Internetseite von Christian Herwartz

                                                                                                                                          https://nacktesohlen.wordpress.com/

 

                                                                                                                                                                                     

   

                                                                                                               

                                                                                                                                                                                        

                                                                                                                                                                                         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meinen Großeltern ein Denkmal setzen

Alles begann mit meinen Straßenexerzitien im August 2004.  Jesuitenpater Christian Herwartz

begleitete mich in Einzelgesprächen. Unsere Unterkunft lag sehr nahe hinter dem Nürnberger Gerichtshof und dem Gefängnis. Ein wichtiger Ort für meine Herkunfts-geschichte, wie ich heute weiß. 2004 konnte ich nur mit Schweißausbrüchen an meinem ganzen Körper und Tränen in meinen Augen den Gehweg vor dem Hauptportal passieren. Ich dachte dabei an die nationalsozialistischen Gesetze und an die armen Juden.

 

Heute möchte ich meinen Großeltern mit meiner Geschichte ein Denkmal setzen. Ihnen danken für ihren Mut und ihre Liebe zueinander. Dieser Liebe verdanke ich mein Leben.

Meine Großmutter Anna-Sybilla verlor ihr Leben, wegen ihrer Liebe zu meinem Großvater.

Sie wurde ledig schwanger, zählte zu "unwertem Leben", weil sie an Rachitis erkrankt war.

Auf Grund ihrer Beckenschiefstellung war zur Geburt meiner Mutter ein Kaiserschnitt

notwendig. So wurde die angeordnete Zwangssterilisation sofort nach der Geburt ausge-

führt. Anna-Sybilla verließ das Krankenhaus sieben Tage später als Tote.

 

Mein Großvater war arbeitslos und Sohn einer armen, kinderreichen Familie. Er konnte keinen Unterhalt bezahlen für meine Mutter, welche zu einer Pflegefamilie gegeben wurde.

Deshalb wurde er verhaftet, ins Arbeitslager gesperrt und kam nach dem Krieg nicht zurück.

 

Bis 2004 war mir meine Herkunft unbekannt. Ich hatte keinen Opa und keine Oma mütter-licherseits. Sie waren eben schon tot. Ich habe mich weiter nie darum gekümmert.

Heute weiß ich, dass die Ängste, die Wut, die Ohnmacht, die Traurigkeit usw. meiner Groß-eltern in mir weiter lebten. Vor allem dieser nationalsozialistische Stempel. "Ich bin es nicht wert" hat 50 Jahre in mir weiter gewirkt, bis ich ihn entlarvt habe.

 

Überall, in Deutschland, Europa, der ganzen Welt, wiederholt sich heute die Geschichte meiner Großeltern in anderer oder ähnlicher Form mit Armen, Obdachlosen, Flüchtlingen und vielen anderen Ausgegrenzten.

Im Namen meiner Großeltern bitte ich euch, begegnet euch selbst und euren Schwestern und Brüdern mit Wertschätzung und Liebe, damit Frieden werden kann auf unserer Erde,

die uns nährt und trägt.

Wir sind alle gleich.

                                                                                                                                                         Autorin: Ingrid Hartmann

                                                                                                                                                                                   ( veröffentlicht in der 2. Textsammlung von

                                                                                                                                                                                    der Gemeinschaft Naunynstraße/ Jesuiten-

                                                                                                                                                                                     kommunität Kreuzberg. Berlin August 2010)

                                                                                                                                                                

          Eröffnung KZ-Gedenkstätte Esterwegen 2011                                                                              Fotos: luke sonnenglanz